Reitlehre

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Grundsätze und Ansätze

 

Wir beginnen mit dem Eckpfeiler der Klassischen Dressur: Die Natur des Pferdes. Die natürlichen Veranlagungen hinsichtlich der Bewegungsmöglichkeiten und der anatomischen und physiologischen Gegebenheiten geben uns die Grenzen in der Ausbildung des Pferdes vor. Somit gelangt derjenige zur gesunderhaltenden Reiterei, der sich am Rahmen seines Pferdes orientiert. Wer im Spitzensport mitreiten möchte, muss seinen Partner nach anderen Kriterien wählen als der Dressurreiter ohne Turnierambition. Der Grundsatz bleibt der Gleiche: Zu schnelles und zu frühes Abverlangen von Leistungen, denen das Pferd oftmals noch nicht gewachsen ist, löschen jeden klassischen Grundsatz aus.

 

Das gelungene und gesunderhaltende Reiten sollte das Ziel jeder dressurmäßigen Pferdeausbildung sein. Laut der Schule der Légèreté heißt es, das Pferd zu entspannen, ins Gleichgewicht zu bringen und zu gymnastizieren bis es sich dem Reiter vollständig zur Verfügung stellt und dieser in der Lage ist, die Gänge des Pferdes zu stilisieren.

 

Ziel unserer Ausbildung ist es, jedes Pferd als Individuum optimal zu fördern, ohne es körperlich und geistig zu beeinträchtigen. Die Vorderhand eines ungerittenen Pferdes trägt von Natur aus bereits 55 Prozent des Körpergewichtes und die Hinterhand nur 45 Prozent. Der relativ weit vorn sitzende Reiter verschlechtert dieses Verhältnis zusätzlich. Damit ist es die Pflicht des Reiters, ein Pferd so auszubilden, dass es in der Lage ist, mehr Last in der Hinterhand aufzunehmen, um die Vorhand entlasten zu können und somit gesund zu bleiben.

 

Iberer vs. Warmblut

 

Das iberische Pferderassen aufgrund ihres Exterieurs leichter zu versammeln sind als ein 1,75 Meter Warmblut ist logisch, da der kompakte Pferdetyp mit barocken, sprich runden Linien, viel Aktion mit sich bringt. Doch auch innerhalb dieser Rassen gibt es kleine, aber feine Unterschiede, auf die es zu achten gilt. Pferde iberischer Prägung sind quadratförmige, kompakte Tiere, die aufgrund der Schönheitsideale sowie der Funktionsfähigkeit der letzten 400 Jahre gezüchtet wurden. Dabei legte man besonders viel Wert auf die damaligen Anforderungen: Schönheit, Gelehrigkeit, Rittig- und Versammlungsfähigkeit. Der Markt verändert sich jedoch dahingehend, dass die traditionell gezüchteten Pferde einem Exterieurwandel unterzogen werden. Hinsichtlich der Eignung zur Turnierteilnahme auf internationalem Niveau, entsteht ein moderner „Sporttyp“, der äußerlich nur schwer von Pferden aus konventioneller Warmblutzucht zu unterscheiden ist. Betrachtet man die grundlegenden Unterschiede zwischen einem Warmblut und einem iberischen Pferd, fällt auf, dass Iberer über einen kürzeren Unterarm verfügen, wodurch die Aktion der Vorderhand und die Kniebug, die Beugung und Hebung mehr akzentuieren als die Streckung.

 

Dadurch bringen Iberer also höchste Veranlagung für Galopppirouetten, Piaffen sowie Passagen mit, jedoch meist nicht genügend Raumgriff für Verstärkungen. Durch den Wunsch nach warmblutartigen Tritten, werden immer mehr Iberer im täglichen dressurmäßigen Training überfordert.

 

Beispiel: Die Problemzone Trabverstärkung im Detail: Auf einer 90 Meter Diagonale im großen Viereck, benötigt ein kompakter Iberer mindestens die doppelte Anzahl an Tritten als ein Warmblut im größeren Rahmen. Trotz ihrer hohen Veranlagung zur Versammlung müssen Iberer vor allem losgelassen und durchlässig sein. Ist dies gegeben, kann jedes Pferd im Rahmen seiner Möglichkeiten korrekte, aus der Hinterhand entwickelte und getragene Verstärkungen durchführen.

 

Es ist also stets darauf zu achten, den Ausbildungsweg nicht zu verkürzen – nur, weil Iberer die Veranlagung zur Piaffe scheinbar in die Wiege gelegt bekommen haben. Egal ob Warmblut oder Iberer, physische und psychische Losgelassenheit sowie Durchlässigkeit stehen stets an erster Stelle. Nur dadurch lassen sich körperlich bedingte Defizite ausgleichen. Friesen neigen beispielsweise zu einem Vierschlag im Galopp. Sie wurden damals von der dritten Gangart weggezüchtet, um optimal und erhaben vor der Kutsche zu traben. Eine zu elastische Wirbelsäule wäre für die ursprünglichen Arbeitsaufgaben fatal gewesen. Gerade schwere Rassen, aber auch Ponys, sind auf flache, energiesparende Bewegungsabläufe gezüchtet. Dies in Kombination mit einer aus Reitersicht fehlenden Elastizität der Wirbelsäule erschwert die Versammlungsarbeit, sodass einzig eine solide Basisarbeit über den Rücken eine gleichmäßige Grundgangart bis hin zum versammelten Tempo gewährleisten kann.

 

Schon Reitmeister de la Guérinière hat in seinem 1733 erschienenen Werk „École de cavalerie“ sehr eingehend über die Natur des Pferdes gesprochen und darauf basierend seine reittechnischen Überlegungen konzipiert. Guérinière ging in seiner Aussage sogar so weit, dass er nur einwandfrei gebaute, kompakte und agile Pferde dressieren wollte, da nur diese den Anforderungen der Hohen Schule gerecht werden konnten. Pferde mit langem Rücken lehnte er aufgrund mangelnder Flexibilität und Versammlungsfähigkeit von vornherein ab und empfahl, diese Tiere vor den Wagen zu spannen.

 

Heute sind wir soweit, dass wir jedes Pferd im Rahmen seiner körperlichen Möglichkeiten in einem geeigneten System dressurmäßig fördern und gymnastizieren können. Der Blick für das geeignete Exterieur ermöglicht vor allem die Zwanglosigkeit im täglichen Training, impliziert jedoch nicht, dass für das gesunde Reiten nur gut gebaute Pferde in den Dienst genommen werden müssen.

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